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Umweltbelastung durch Feuerwerkskörper - die andere Seite des Silvesterfeuerwerks

Der Jahreswechsel wird hierzulande mit viel Feuerwerk und Knallerei gefeiert. Letztes Jahr investierten deutsche Bürger rund 133 Millionen Euro in das zwar kurzlebige, aber beeindruckend laute und farbenfrohe Spektakel. Erschreckend sind wiederum die Werte der Feinstaubbelastung sowie die zahlreichen Brände und Sachbeschädigungen am letzten Tag des Jahres, aber auch die riesigen Müllmengen am nächsten Morgen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt, zum Schutz der Gesundheit einen Tagesmittelgrenzwert von 50 µg PM10/m3 an maximal drei Tagen im Jahr nicht zu überschreiten sowie einen Jahresmittelgrenzwert von 20 µg/m3. Trotzdem sind auch schon geringere Feinstaubemissionen gesundheitsschädigend. In der Silvesternacht werden in Deutschland jedes Jahr bis zu 4.500 Tonnen Feinstaub freigesetzt. Das entspricht etwa 15 Prozent der jährlich im Straßenverkehr freigesetzten Menge und rund 2,3 Prozent des jährlichen Gesamtausstoßes aller Emittenten. So beginnt das neue Jahr vielerorts mit Belastungen von über 1.000µg PM10/m3 pro Stunde. Darüber hinaus werden zum Jahreswechsel etwa 2.300 Tonnen Kohlenstoffdioxid ausgestoßen.

 

Die winzigen Feinstaubpartikel gelangen über die Atmung in den Körper und können dort verschiedenste Reaktionen verursachen. Generell gilt: Je kleiner Feinstaub ist, desto gefährlicher ist er. Die kleinsten Partikel sind überdies in der Lage, besonders tief in unseren Körper einzudringen. Ultrafeine Partikel wie z.B. Rußpartikel sind sogar als krebserregend eingestuft. Aber auch Asthma, Allergien, Herz-Kreislauf- und Atemwegserkrankungen können durch Feinstaub begünstigt werden. Besonders Kinder und Heranwachsende sind gefährdet. So kann Luftverschmutzung in der Jugend zu einer verminderten Lungenfunktion führen, die bis ins Erwachsenenalter anhält. Neben den negativen Gesundheitsauswirkungen schaden insbesondere Rußpartikel auch dem globalen .

Nicht außer Acht zu lassen sind außerdem die beträchtlichen Mengen an Müll. Allein in den fünf größten deutschen Städten Berlin, Hamburg, München, Köln und Frankfurt am Main wurden zum Jahreswechsel 2017 knapp 200 Tonnen Silvesterabfall verursacht. Neben den Unmengen an Plastik und Pappe – oft mit giftigen Farbstoffen bearbeitet – sind vor allem die enthaltenen Schwermetalle und Schadstoffe hochproblematisch. Diese sollten idealerweise im Sondermüll entsorgt werden, was leider nicht geschieht. So verbleiben dank des exzessiven Konsums von Pyrotechnik in der Silvesternacht Rückstände des Plastiks in der Umwelt, die, durch Zersetzung in Mikroplastik, in die Böden, Wasser- und Nahrungskreisläufe gelangen. Abgebrannte Feuerwerkskörper enthalten zudem diverse Chemikalien, die sich, durch Regenwasser gelöst, in Böden und Gewässern festsetzen und so langfristig indirekt eine ernsthafte Bedrohung für Mensch, Tier und Pflanze darstellen können.

 

Anzumerken ist ebenso die direkte Gefahr, die von Pyrotechnik ausgeht. In Berlin beispielsweise gingen zum Jahreswechsel 2018 bei der Einsatzleitzentrale zwischen 18 und 6 Uhr knapp 3.000 Notrufe ein. Darüber hinaus waren zusätzliche 1.600 Einsatzkräfte im Dienst. Wie in den vergangenen Jahren auch, waren die häufigsten Einsatzanlässe verbotener Umgang mit Pyrotechnik, Körperverletzungen und Sachbeschädigungen. Laut dem Tagesspiegel gab es in der Neujahrsnacht obendrein 400 Brände in Berlin. Dabei ist außerdem zu unterstreichen, dass die enorme Anzahl an Feuerwerkskörpern in Zeiten zunehmender Trockenheit Waldbrände begünstigt.

Alle Jahre wieder landen zum Jahreswechsel zahlreiche Menschen in der Notaufnahme. Die häufigsten Verletzungen sind dabei Verbrennungen oder Augenverletzungen, aber auch Hörschäden sind nicht zu unterschätzen. Laut des erleiden jährlich rund 8.000 Menschen ein sogenanntes Knalltrauma, eine Verletzung des Innenohrs durch zu laute Feuerwerkskörper. Selbst wenn diese in einem Abstand von wenigen Metern explodieren, wirken auf das empfindliche Innenohr Schallimpulse mit Höchstwerten von bis zu 150 Dezibel. Zum Vergleich: Bei 120 Dezibel- so laut sind etwa Kettensägen oder Presslufthämmer- liegt bei den meisten Menschen die Schmerzgrenze. Die Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie warnt davor, dass in manchen Fällen sogar das Trommelfell einreißen kann.

 

Auch für Tiere stellt die lärmbelastete Silvestertradition eine ernstzunehmende Gefahr dar. Diese haben ein sehr empfindliches Gehör und nehmen Geräusche viel intensiver wahr als Menschen. Für Wildtiere ist ein gutes Gehör überlebenswichtig, um dadurch vor Gefahren gewarnt, rechtzeitig fliehen zu können. Insbesondere Vögel flüchten zum Jahreswechsel vor Schreck in Höhen bis zu 1.000 Meter, die sie normalerweise selten erreichen. Dies ist kritisch zu bewerten, da der Vorgang enorme Anstrengung bedeutet und sie durch mangelhafte Nahrungszufuhr im Winter zusätzlich geschwächt sind. Außerdem können liegengebliebene Plastikteile nach der Neujahrsnacht missverständlich für Futter gehalten werden. Es ist dringend zu empfehlen, ein paar hundert Meter Abstand zu Schutzgebieten oder größeren Wasserflächen, an denen besonders viele Vögel ruhen, einzuhalten. Aber auch Heimtiere reagieren sehr sensibel auf Lärm. Vor allem plötzliche Knallgeräusche sind für viele sehr erschreckend. Dementsprechend zeigen sich viele Hunde an Silvester und Tage danach traumatisiert und trauen sich kaum mehr nach draußen. Auch bei Katzen mit Freigang besteht die Gefahr, dass sie, durch Panik und Orientierungsverslust, nicht mehr den Weg nach Hause finden. Laut den Angaben der Tierrettungsorganisation „TASSO“ sind zum Jahreswechsel 2016 knapp 800 Tiere entlaufen. Tierhaltern ist zu empfehlen, das Tier möglichst im Haus zu halten, Fenster und Türen zu verschließen und jedenfalls nicht alleine zu lassen. Mithilfe von Radio, Fernseher, etc. kann eine „normale“ Geräuschkulisse aufrechterhalten werden.

Oft in Vergessenheit gerät außerdem die psychische Belastung für Senioren, Kinder, aber auch Kriegsveteranen oder Geflüchtete aus Krisengebieten. So können sich diese von der anhaltenden, lauten Geräuschkulisse um und nach Mitternacht ernsthaft bedroht fühlen. Überdies ist es verboten, in unmittelbarer Nähe von Senioren- und Kinderheimen, Krankenhäusern und Kirchen Pyrotechnik anzuzünden. Bei Verstößen drohen Bußgelder bis zu 50.000 Euro.

 

Es geht auch anders: In Deutschland wird heutzutage viel über feuerwerksfreie Zonen und Innenstädte diskutiert. Als erfolgreiche deutsche Beispiele kann man die Hamburger Binnenalster, aber auch die Innenstädte von München, Stuttgart, Hannover und Köln aufzählen. Als internationale Vorbilder gelten beispielsweise Paris oder Sydney, wo private Feuerwerke verboten sind und lediglich ein städtisches organisiert wird.

So lange man als Privatperson noch nicht durch Verbote eingeschränkt ist, wäre es eine zukunftsweisende freiwillige Entscheidung und man täte seinen Mitmenschen, der Tierwelt und der gesamten Umwelt einen Gefallen, wenn man seinen Pyrotechnikkonsum am letzten Tag des Jahres verringerte und das neue Jahr auf umweltfreundlichere Art begrüßen würde!

 

Quellen

https://de.statista.com/infografik/16420/silvesterumsatz-mit-feuerwerk-in-deutschland/

https://www.duh.de/projekte/silvesterfeuerwerk/

https://www.umweltbundesamt.de/daten/luft/luftdaten

https://www.berlin.de/polizei/polizeimeldungen/pressemitteilung.770464.php

https://www.umweltbundesamt.de/themen/dicke-luft-jahreswechsel

https://www.iass-potsdam.de/de/ergebnisse/dossiers/luftverschmutzung-und-klimawandel

https://www.zeit.de/wirtschaft/2018-12/jahreswechsel-silvester-zahlen-verletzte-konsum-muell-raketen-boeller

https://www.tagesspiegel.de/wissen/silvesterknaller-scheuchen-voegel-auf-panik-am-himmel/11164526.html

https://www.landestierschutzverband-bw.de/ltsv/presse/146-silvesterfeuerwerk-schock-fuer-tier-und-natur

https://www.tasso.net/Newsletter/Newsletterausgaben-lesen/2017/Die-gefaehrlichste-Nacht-des-Jahres

Rhein-Neckar-Zeitung, vom Mittwoch den 11.12.19, Nr. 287

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